Bühnen- oder Show-Hypnose versus therapeutische Hypnose

Dr. phil. BURKHARD PETER

Eine Bühnenhypnose ist ein geschickt und unterhaltsam verpackter Hypnotisierbarkeitstest. Er beginnt – nach einer allgemeinen Tranceinduktion – in der Regel mit sog. motorischen Aufgaben (z.B. die Muskeln sollen steif werden, um eine sog. kataleptische Brücke zu ermöglichen), die fast 90% aller Teilnehmer erfüllen können. Bei den dann folgenden sensorischen Aufgaben (eine saure Zitrone als süße Orange essen oder Rasierschaum als Speiseeis schlecken) können schon weniger, etwa nur 50%, mitmachen. Und die sog. kognitiven Aufgaben (eine bestimmte Zahl oder gar den eigenen Namen „vergessen“) schaffen nur etwa 10%, nämlich die Hochhypnotisierbaren. Genau diese werden vom Bühnenhypnotiseur über die vorausgegangenen, bereits der Unterhaltung dienenden „Tests“ ermittelt.
Mit diesen können dann u.U. auch jene spektakulär erscheinenden Phänomene vorgeführt werden, die komplexere Halluzinationen bzw. Illusionen erfordern wie z.B. mit einem Stuhl eng umschlungen tanzen, weil dieser Stuhl als zärtlicher Liebespartner halluziniert wird, oder wie ein Hahn mit grotesken Verrenkungen auf der Bühne herumstolzieren und dabei laut und hemmungslos Kikeriki zu schreien. Weil eine solche Show ja Unterhaltungszwecken dient, wird der oft peinliche Charakter solcher Vorstellungen erst im Nachhinein erkannt – wenn überhaupt, denn häufig schützt eine sog. Amnesie („Vergessen“) die Akteure vor dem Erkennen der eigenen Peinlichkeit. Der „Zustand“ der Trance dient dann gerne als Erklärung und Entschuldigung vor sich selbst und den anderen.

"Eine Bühnenhypnose ist ein geschickt und unterhaltsam verpackter Hypnotisierbarkeitstest.
Mit 10% Hochhypnotisierbaren können dann spektakulär erscheinende Phänomene vorgeführt werden, die komplexere Illusionen erfordern..."

Der Jahrmarktscharakter und das Unterhaltsame solcher Vorstellungen darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die beteiligten hochhypnotisierbaren Personen meist tatsächlich in einem Trancezustand sind – wenigen Ausnahmen bloßer Schauspielerei abgesehen. Dagegen ist so lange nichts einzuwenden, wenn sie sich freiwillig gemeldet haben und sich bewusst sind, dass der Bühnenhypnotiseur ihre spezielle Hypnose-Fähigkeit für seine Zwecke und zum Zweck der Unterhaltung des Publikums (aus-) nutzt. Problematisch kann es dann werden, wenn so eine hochhypnotisierbare Person sich wegen einer bestehenden Kontraindikation wie z.B. eines momentan bestehenden psychischen Ungleichgewichts nicht hypnotisieren lassen sollte. Dann kann es zu sog. „Unfällen bei Bühnenhypnose“ kommen.
Der Unterschied zur therapeutischen Hypnose ist evident:

  • Der Bühnenhypnotiseur nutzt Hypnose und die Hypnotisierbarkeit eines Teilnehmers bzw. einer Teilnehmerin für seine Zwecke, nämlich anderen eine Show zu bieten. außen betrachtet entsteht häufig der Eindruck, als ob der Bühnenhypnotiseur Macht über seine Teilnehmer habe. Dieser Eindruck ist falsch. In manchen Bühnenhypnosen werden die Teilnehmer auch „zum Affen gemacht“. Das verletzt ihre Würde.
  • Der Hypnotherapeut nutzt Hypnose und die Hypnotisierbarkeit eines Patienten bzw. einer Patientin zum Zwecke dessen bzw. deren psychotherapeutischer Behandlung. In hypnotischer Trance können sie lernen, mit Hilfe ihrer eigenen unbewussten Möglichkeiten und Ressourcen ihre Probleme und Störungen zu lindern oder ganz zu beheben. Das erhöht ihre Selbstwirksamkeit und stärkt ihre Würde.

Dr. phil. Burkhard Peter, Dipl.-Psych.
Psychologischer Psychotherapeut
Mitgründer der Milton Erickson Gesellschaft für klinische Hypnose (M.E.G.)
Ausbilder für klinische Hypnose und Hypnotherapie der M.E.G. u.a. Gesellschaften
Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der M.E.G.
Autor mehrerer Bücher
www.meg-muenchen.de (Fortbildung)
www.meg-stiftung.de (Hypnose-Literatur)
www.burkhard-peter.de
Dr. rer. nat. Klaus Hönig, Dipl.-Psych.
Leitung der Psychoonkologie am Uniklinikum Ulm
Präsident der Deutschen Gesellschaft für Hypnose und Hypnotherapie e.V. (DGH)
Mitglied des Vorstandes der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Psychoonkologie (PSO)
www.pso-ag.de/arbeitsgemeinschaft-psychoonkologie (Vorstand)
www.dgh-hypnose.de (Vorstand)
www.uniklinik-ulm.de

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